Freiwilligenarbeit mit Kindern

Mama sagte immer: ‚Dumm ist, der Dummes tut.

– Forrest Gump –

Kinder = Touristenattraktion?

Simpel und doch so klug: Forrest Gumps Mama hat mal wieder Recht. Aber es stellt sich natürlich die Frage: Was ist den eigentlich etwas „Dummes“? Oder umgekehrt – was ist klug und sinnvoll? Im Kontext der üblichen Tätigkeitsfelder von Volunteers im Ausland kommen hier einige Fragen zusammen. Ist es klug …

  • … wenn Kinder ihren Eltern weggenommen werden, weil ihnen eine vernünftige Schulbildung und regelmäßige Mahlzeiten für ihre Kinder und vielleicht noch etwas Geld für sich selbst in Aussicht gestellt werden?
  • … Kinder von pädagogisch meist unausgebildeten Englischlehrer*innen unterrichten zu lassen?
  • … dass Kinder im Zweiwochenrhythmus wechselndes Lehrpersonal vor die Nase gesetzt kriegen?
  • … wenn Kinder, die nicht rund um die Uhr von pädagogischem Personal betreut werden, immer wieder von wildfremden Erwachsenen besucht werden? Vor allem, wenn diese mit ihren großen Kameras massiv in ihre kleine Privatsphäre eingreifen?
  • … ausgerechnet diejenigen, die sich am wenigsten dagegen wehren können, als Touristenattraktion zur Schau zu stellen (und – viel schlimmer – dies als Tourist zu unterstützen)?

Klare Sache: Das klingt einfach alles ganz schon gruselig und furchtbar. Unvorstellbar hier in Europa! Dennoch tragen jedes Jahr unzählige Westler*innen mit den besten Absichten dazu bei, dass genau so etwas Alltag in vielen Ländern des globalen Südens ist.

Meikes Erfahrungen mit Freiwilligenarbeit

Auch Meike war Teil eines solchen Systems. Zwar, und das ist an dieser Stelle sehr wichtig, wurde keines der Kinder seinen Eltern unrechtmäßig oder gegen Geld weggenommen, nur um Schule und Kinderheim zu füllen. Aber auch Meike hat davon profitiert und die Möglichkeit, durch Freiwilligenarbeit Karmapunkte sammeln zu können, in die Welt getragen.

Damals nach dem Abi…

Doch bevor wir diese Geschichte jetzt mit „Damals nach dem Abi…“ anfangen (upps, zu spät) und schon alle das große Kotzen bekommen, weil sie erwarten, ewas von einer „lebensverändernden Erfahrung“ und „ganz tiefer Dankbarkeit“ zu hören zu bekommen, müssen wir hier noch rechtzeitig die Kurve kriegen.

Das Problem dabei – es war so! Meike hat nach dem Abi ein halbes Jahr im indonesischen Hinterland verbracht und ist natürlich dankbar für diese großartige Zeit. Aber es war keine tolle Erfahrung, weil sie dort ein krasses Vermächtnis hinterlassen oder die Kinderbetreuung revolutioniert hätte. Nein, es war die Tatsache, dass sich die Leute dort ein 19-jähriges, heimweh-geplagtes, besserwisserisches, hinter den Ohren grünes Fräulein ans Bein gebunden haben, das im Vorfeld noch nicht mal ihre Sprache ordentlich gelernt hatte. Ja, dafür kann man verdammtnochmal dankbar sein!

Ein halbes Jahr lang war sie in der Region Toraja in Süd-Sulawesi und hat dort vormittags in einer Schule für Kinder mit Einschränkungen gearbeitet. Die Nachmittage hat sie im örtlichen Kinderheim verbracht. All das lief im Rahmen von Weltwärts – einer Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie hat nichts für den Aufenthalt bezahlt. Und durch das verpflichtende Spendensammeln im Voraus war es auch für die Organisation vor Ort ein Nullsummenspiel. Meikes kleinen Lohn hat sie sich durch das Sammeln von Spenden quasi selbst verdient.

Einige Fakten zur Freiwilligenarbeit

Ihren Mehrwert vor Ort hat das aber genauso wenig gesteigert, wie wenn sie dafür bezahlt hätte. Denn das tun viele, um eine bestimmte Zeit irgendwo irgendwas freiwillig zu arbeiten (Volontourismus ). Wir haben uns etwas näher mit diesem Phänomen beschäftigt und schnell festgestellt, dass es sich um ein zweischneidiges Schwert handelt. Einerseits gibt es (meist staatliche oder kirchliche) Organisationen, die sich um den tatsächlichen Mehrwert der zu leistenden Arbeit kümmern und auch mit Organisationen vor Ort kooperieren. Andererseits gibt es viele profitorientierte Organisationen, welche den Nutzen außer Acht lassen und das Volunteering klar als touristische Attraktion vermarkten. Sogar die Volunteering-Plattform freiwilligenarbeit.de kommt in einem Artikel zum Thema Volontourismus zu folgendem Schluss:

In Afrika und Asien gab (und gibt es wohl leider immer noch) Fälle, bei denen Waisenkinder betreut werden, die keine Waisen sind, aber aus ihren Familien herausgenommen wurden, weil sie im Waisenhaus angeblich ein besseres Leben haben würden – aber es geht eher um die zahlenden Volunteers, die sich natürlich gern um Waisenkinder kümmern. Für die Kinder ist das nur ein vermeintlich besseres Leben, aus einer rein materiellen Sichtweise, doch sie sind von ihrer Familie getrennt und müssen sich emotional auf ständig wechselnde Volunteers einstellen.

Ihr erkennt also: Problematisch wird es, wenn daraus eine Industrie wird. Mehr und mehr Kinder werden gebraucht, um neu entstehende Kinderheime zu füllen. Wie groß ist dann der Nutzen, den man gebracht hat? Wie groß der Schaden, den man angerichtet hat?

Jobs und Freiwillige gibt es auch vor Ort

Sicher sind einige Initiativen weltweit auf die Arbeit von Freiwilligen angewiesen. Doch gibt es die in vielen Ländern mittlerweile selbst. Auch den bei Westler*innen beliebten Job der Englischlehrerin oder des Englischlehrers gibt es in diesen Ländern. Die haben sogar eine Ausbildung hinter sich, mit dem Ziel, genau diesen Job in ihrem Land auszuüben. Denn schließlich ist es für sie im Gegensatz zu den vielen freiwilligen Westler*innen oft nicht so leicht, einfach in einen Flieger zu steigen, um am anderen Ende der Welt vor einer Klasse zu stehen.

Und vor diesem Hintergrund nochmal die Frage: Wie groß ist der Nutzen der Westler*innen, die mal eben für ein paar Wochen ihr teils radebrechendes Englisch ohne viele pädagogische Grundlagen „unterrichten“, um dann weiterzuziehen, wenn ihnen der nahe gelegene Strand nicht mehr passt? Das ist jetzt natürlich sehr polemisch, denn sicher gibt es unter diesen Westler*innen auch gut ausgebildete Lehrer*innen, die ihrem Namen alle Ehre machen. Aber es kann nichts schaden, sich vor einem geplanten Freiwilligendienst im guten alten Internet zu genau diesen Überlegungen zu informieren.

Ein klarer Appell

Besonders auf unserer letzten Fernreise nach Kambodscha hat uns dieses Thema noch einmal richtig gepackt. Überall waren Plakate aufgehängt, auf denen zu lesen war „Children are no tourist attraction!“. Eigentlich so klar, aber doch so relevant, dass man es auf Plakate drucken und im ganzen Land verteilen muss. So sind wir aber auch auf das Child Safe Movement gestoßen, die auf ihrer Homepage neben eindrücklichen Bildern auch hilfreiche Tipps für Volunteers und Touristen bieten, um auch und gerade im Ausland nicht ihren Anstand zu vergessen. Außerdem gibt es sowohl auf der Seite selbst, wie auch von kooperierenden Organisationen tolle touristische Angebote, die nicht dazu beitragen, das Kinder zu Touristenattraktionen werden.

Wie wir finden, ist dies ein sehr wichtiges Thema. Und das nicht nur für junge Menschen, die nach ihrem Abi eine tolle Erfahrung im Rahmen von Freiwilligenarbeit im Ausland machen möchten. Und damit das niemand falsch versteht: Wir gönnen jedem eine solche Erfahrung. Aber es sollte selbstverständlich sein, sich im Vorfeld so gut wie möglich über die Gegebenheiten im Zielland zu informieren. Ihr möchtet ja schließlich nicht in eine kontroverse Diskussion verwickelt werden, wenn ihr von euren „lebensverändernden Erfahrungen“  berichtet!

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